Ein Treffen mit Narciso Rodriguez

Es ist unser erstes Mal in Manhattan und als wir vor dem Hochhaus stehen, bin ich plötzlich ganz aufgeregt. In wenigen Minuten treffe ich ihn. Narciso Rodriguez. Er verkörpert das, was ich einmal sein möchte. Ein Designer, ein Parfumeur, ein Macher. In der 9. Etage angekommen, dürfen Philipp und ich erst einmal in den Showroom, in dem seine aktuelle Kollektion und Bilder der Runway-Looks zu bestaunen sind, bevor wir ihn zum persönlichen Gespräch treffen. Er legt großen Wert auf das Schneiderhandwerk. Das wird er mir später sagen, aber ich sehe es schon vorher. Seine Kollektion zeichnet sich durch Präzision, interessante Schnitte und hochwertigen Stoffen aus –  sowohl von außen, als auch von innen.

Ich gehe durch die Kollektion, versuche mich auf die einzelnen Stücke zu konzentrieren, um meine Aufregung in den Griff zu bekommen. Ich habe noch nie ein Interview geführt und ich weiß überhaupt nicht, ob ich das kann. Vielleicht hätte ich vorher mal üben sollen. Im August lancierte er seinen zweiten Männerduft for him bleu noir. Ich möchte mehr über den Duft und natürlich über ihn erfahren.


Narciso Rodriguez – Ein Gespräch

For him le bleu noir ist ein sehr persönlicher Duft. Wie viel Narciso steckt drin?

Es ist lustig, dass wir uns gerade jetzt treffen, denn ich komme gerade vom Duft-Designen und bin in eine riesige Duftwolke eingehüllt. Ich mache das wirklich gern und mit ganzem Herzen. Ich stecke sehr viel Energie und meine Seele rein. Der Design-Prozess ist bei Parfums aber ganz anders als bei Kleidung, Taschen und Schuhen. Alle meine Düfte gründen in meiner persönlichen Liebe zu Moschus und dem Versuch, ihn neu zu erfinden.

Du arbeitest also schon am nächsten Parfum?

Ich arbeite sogar an drei…

Für sie oder für ihn?

Das werde ich nicht verraten. Überraschung!

Ab wann ist es denn erhältlich?

Das eine schon sehr bald, das zweite im nächsten Jahr und das dritte wahrscheinlich 2018.

Wie gehst du vor, wenn du einen neuen Duft kreierst?

Das ist eigentlich immer unterschiedlich. Am angenehmsten ist es für mich, wenn ich einem professionellen Parfümeur meine Ideen nenne, also zum Beispiel ob ich es sehr romantisch haben will. Bei for him bleu noir war mir von Anfang an klar, wie ich es haben möchte und wonach es duften soll. Wir haben ein sehr modernes, sehr cleanes und sinnliches Parfüm entwickelt, einen etwas außergewöhnlicheren Männerduft, wohingegen das original for him ein klassischer Männerduft ist. For him bleu noir bringt den Männerduft auf eine modernere Ebene, so dass Jungs wie ihr sich damit wohlfühlen und ich auch.

Als ich ihn das erste mal gerochen habe…

Ich trage ihn gerade!

Ich trage ihn auch!

Ich habe sogar die allererste Flasche, nicht die schöne, die du hast. Es ist eine riesige Industrieflasche und ich bin von oben bis unten damit eingehüllt.

For him bleu noir ist dein zweites Parfüm für Männer aber deine Mode ist nur für Frauen. Wie stehen die Chancen für eine Herrenkollektion?

Tatsächlich habe ich zwei Jahre lang Herrenmode gemacht, als das originale for him gelaunched wurde. Das war direkt vor der Finanzkrise. Damals war jeder sehr vorsichtig und zögerlich und die Firma hat einige Veränderungen durchgemacht, deshalb haben wir gesagt, dass wir die Männerlinie vorerst aufs Eis legen und uns auf Damenmode fokussieren. Ich würde niemals nie zur Männermode sagen, ich glaube sogar, dass sich meine Arbeit sehr gut für Herren eignet, weil sie durchaus von einer maskulinen Denkweise geprägt ist. Man weiß nie, eines Tages vielleicht.

Glaubst du es ist besser für einen jungen Designer, wenn er sich auf eine Sache fokussiert – Damen- oder Herrenmode – anstatt beides zu machen?

Ich glaube, irgendwo muss man anfangen. Klar, wenn deine Mode sich dazu anbietet, beides zu machen, dann solltest du es tun. Es gibt viele Kollektionen, Marken, Designer, die tolle Unisex-Dinge machen. Es liegt am Designer, sich zu entschieden. Als ich meine Ausbildung gemacht habe, war es noch eine andere Zeit. Für mich war es sehr wichtig, von Leuten zu lernen, die ihr Handwerk verstanden und ich glaube, dass es ein großes Geschenk war, mit so großartigen Menschen wie Anne Klein, Donna Karan und Calvin Klein zu arbeiten, die mir beigebracht haben, wie man richtig schneidert und näht.

War die von Anfang an klar, dass du Damenmode machen wirst?

Ja. Ich habe das für mich entschieden, als ich noch ein Kind war.

Was bedeutet es für dich, Dinge zu kreieren?

Das ist eine sehr interessante Frage. Es gibt so viel Fast Fashion und sogar die Luxusmarken machen jetzt schon einfache T-Shirts. Ich liebe T-Shirts, ich trage gerade sogar eins. Aber ich finde, es ist so ein tolles Gefühl, Dinge zu machen, herzustellen, die ganze Aufmerksamkeit auf die Details, den richtigen Stoff und die Verarbeitung zu legen. Vor kurzem war eine Beraterin hier, die schon sehr lange in der Modeindustrie arbeitet. Sie hat in alle Stücke reingeschaut und gesagt „Oh mein Gott, das ist auch innen so schön!“ und ich sagte „Na klar, es muss so sein, denn das macht Kleidung aus.“ Das sind Sachen, die am wichtigsten sind.

Definitiv. Ich liebe ein schönes Futter. Das ist etwas sehr persönliches, das niemand sieht, außer man selbst! Du hast in Paris, Madrid und Mailand gearbeitet, aber deine Marke in New York gegründet. Warum?

Hier komme ich her. Und es war ein guter Zeitpunkt, hier zu zeigen. Mode war damals noch viel kleiner in New York, es gab viel weniger Shows. Jetzt gibt es sehr viele, es ist fast schon erdrückend. Aber es macht immer noch Spaß!

Würde deine Mode anders aussehen, wenn du in Paris oder Mailand wärst?

Ich glaube nicht. Ich versuche stets, mein Ding durchzuziehen. Manchmal hat es geklappt, manchmal nicht.

New York ist Inspiration für dich, oder?

Ja, und Paris und Berlin auch. Meine neuste Kollektion ist stark beeinflusst von meinem Aufenthalt in Berlin.

Wirklich?

Ja. Ich war dort und habe so viele Sachen gemacht. Ich habe so viel gesehen, so viele interessante Leute kennengelernt. Ich bin durch die Stadtteile gelaufen, habe tolle Museen und Ausstellungen gesehen, so viele tolle Galerien. Ich war im Berghain. Das alles, die Leute, die Stadt, hat mich so inspiriert. Ich glaube, das war eine tolle Grundlage und Inspirationsquelle für diese Season.

Die Berlin-Edition sozusagen…

Ja, sozusagen. Ich mag das Urbane. Ich liebe es, wie Menschen sich in Städten bewegen und wie sie dort leben. New York ist eine spannende Stadt, genauso wie Berlin. Das inspiriert mich wirklich.

Was ist dein Lieblingsplatz in New York?

Ich lebe in Chelsea und ich mag Chelsea sehr, vor allem wegen der Galerien und der Kunstszene. Es macht Spaß, dort zu leben. Aber ich hole meine Inspiration auch von der Lower Eastside und ich liebe das East Village.

Da wohnen wir! Hast du ein paar Tipps für uns?

(lacht) Es gibt so viele tolle Plätze dort. Ich mache euch eine kleine Liste.

Ich bin noch Student und du hast viel Erfahrung im Mode-Business! Du hast deine eigene, erfolgreiche Marke gegründet. Welchen Rat kannst du mir als künftigen Mode-Designer geben?

Du musst durchhalten. Du musst dich darauf einstellen, dass du kaum Privatleben mehr hast. Ich glaube, heute gibt es zwei Arten, in der Mode Karriere zu machen. Ich habe in Paris diesen fantastischen Designer kennengelernt, der einfach nur berühmt werden wollte. Online kannst du ganz schnell ein berühmter Designer werden und so Karriere machen. Oder du machst es wie ich und lernst von Designern, die du gut findest. Ich bin daran gewachsen und habe so viel gelernt bevor ich mich selbstständig gemacht habe. Heute wollen so viele junge Leute einfach nur raus und eine Firma gründen. Ich bewundere das, aber für mich war es wichtiger, zu lernen. Ich habe sehr viel über das Business und das Handwerk gelernt und jetzt, nach all den Jahren als eigene Marke, muss ich sagen, dass es so richtig war.


Nach dem Interview führte Narciso Philipp und mich durch sein Atelier und Büro. Im Büro werden normalerweise keine Fotos gemacht, doch für uns machte er eine Ausnahme. Wegen des guten Lichts. Es war ein toller Einblick in den Arbeitsplatzes eines Designers. Ein kreatives Chaos könnte man es nennen. Überall Bücher und Bilder. Für mein erstes Interview hätte es mich kaum besser treffen können. Narciso war ein toller und angenehmer Interviewpartner. Durch seine sympathische Art fiel die Angst in der ersten Sekunde von mir ab. Mein Ziel, weniger ein Frage-Antwort Spiel und mehr ein lockeres Gespräch zu führen, haben wir erreicht und nur wenige Minuten, nachdem ich das riesige Gebäude verließ, erreichte mich eine E-Mail. Sie war von Narciso persönlich. Er bedankte sich für das Gespräch, bat mir seine Hilfe an, sollte ich sie benötigen und schickte mir, wie versprochen, eine Liste mit seinen persönlichen Hot-Spots in New York. Ein unbeschreibliches Gefühl.


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3 Comments

  • 8 Monaten ago

    Ahhh wie toll, dass du mit ihm ein Interview führen konntest! Narciso Rodriguez for her ist mein allerliebster Lieblingsduft, und dass der Kopf hinter alldem auch noch so sympathisch ist, freut mich richtig 🙂 Danke für die spannenden Einblicke!!
    Liebe Grüße
    Alissa
    http://www.alissaloves.de

  • 5 Monaten ago

    Bin einfach so happy für Dich! Weiter so Frank!!! Vergiß nicht… even the sky has no limits… one day people will come to you and be grateful to get an interview with you.

  • 3 Monaten ago

    So toll!

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