Taiwan Travel Diary | Vorwort

Ich habe das Geburtsland meines Vaters zum ersten Mal 2006 besucht. Das ist nun über 10 Jahre her. In dieser Zeit hat sich mein Verhältnis zu meinen Wurzeln stark verändert.

Um ehrlich zu sein spielte Taiwan in meiner Kindheit keine große Rolle. Obwohl mein Vater dort aufgewachsen ist, hat er die deutsche Lebensart voll angenommen und mich zusammen mit meiner Mutter auch so erzogen. Westliche Werte, christliche Feste, viel Freiheit – so sah meine Kindheit aus. Den einzigen Berührungspunkt mit Taiwan hatte ich, wenn ich in meinen Schulferien im chinesischen Restaurant meiner Großeltern war. Mein Opa fand das natürlich sehr schade, daher hat er immer darauf gedrängt, dass wir nach Taiwan reisen und Kultur und vor allem den Teil der Familie, der noch in Taiwan lebte, kennenlernen.

Insgesamt war ich nun vier Mal in Taiwan. Drei Mal davon habe ich Land und Leute durch die Augen meines Großvaters gesehen, denn er hat die Reisen sozusagen geplant. Das war zwar durchaus nett, aber für mich, als damals sehr junger Mensch, ziemlich langweilig, denn bis auf all meine Verwandten und unzählige Teemuseen habe ich nicht viel gesehen. Mein Interesse für das Land meines Vaters konnte das nie wirklich wecken. Das einzige, das ich aus diesen Reisen mitgenommen habe, war mein Interesse für einen taiwanesischen Pop-Sänger namens Jay Chou, dessen Musik ich super cool fand, auch wenn ich die Texte bis heute nicht verstehe.

Erst als mich mein Vater vor drei Jahren nochmals fragte, ob ich ihn nach Taiwan begleite, hatte ich die nötige Reife, mir bewusst zu machen, dass mein Vater dort geboren und seine ersten 10 Lebensjahre verbracht hat. Wir besuchten das Haus, in dem er mit seinen Brüdern und meiner Uroma lebte, während meine Großeltern schon nach Deutschland emigriert waren. Meine Urgroßeltern waren Bauern und besaßen Land, auf dem sie Koriander anbauten. Für mich ist das noch immer eine faszinierende Vorstellung, vor allem wenn ich daran denke, was für ein Leben ich hier in Deutschland führe.

Ich habe eigentlich immer ausgeschlossen, meine asiatischen Wurzeln in meiner Bachelorarbeit zu thematisieren. Ich empfand es als etwas abgedroschen, weil ich das Gefühl habe, dass es extrem viele Studenten machen, die einen ausländischen Hintergrund haben. In meiner letzten Arbeit habe ich aber angefangen, mich mit mir selbst zu beschäftigen und gemerkt, dass es zum einen wirklich nicht so einfach ist und zum anderen, wie gut es mir letztlich tut.

Ob meine Wurzeln nun eine essentielle Rolle in meiner nächsten Kollektion spielen werden, kann ich jetzt noch gar nicht sagen. Jedoch ist die Tatsache, dass ich als asiatisch aussehender Junge namens „Frank“ in Deutschland aufgewachsen bin, ein Teil meiner Identität. Ein Teil, den ich nicht unter den Teppich kehren kann, den ich nun gerne annehmen möchte und auf den ich sogar ein bisschen stolz bin.

Ich wollte Taiwan nochmal allein besuchen. Die Reise selbst planen und mich durchschlagen, ohne dass mir die Familie ständig im Nacken sitzt und mich mit Adleraugen beobachtet, damit ich auch ja nicht in irgendeine Touristenfalle tappe. Ich freue mich sehr, diese Erfahrung mit Philipp gemacht zu haben. Ihm ein wenig die Kultur nahe bringen, die meine Familie auf der anderen Seite der Welt lebt und bis zu einem gewissen Grad auch in mir steckt.

Wir haben dabei so viel erlebt, dass das gar nicht in einen einzelnen Blogpost passt. Wir werden daher in den kommenden Tagen und Wochen versuchen, euch mit mehreren Travel Guide Lust auf Taiwan zu machen!

Dieser Beitrag ist auch verfügbar auf: Englisch

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